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Handelsblatt Weekend Journal
Am Heimathimmel
Der Deutsche macht wieder Urlaub im eigenen Land. Beim Drachenfliegen lernt er es kennen.
Ole Töns, HANDELSBLATT 30.7.2004
"Mit Raubvögeln fliegen ist unglaublich. Wie sie neben dir kreisen, mühelos schweben. Wie sie jeden Hauch nutzen, mit kleinsten Bewegungen der Flügelspitzen", sagt der Pilot und fliegt eine sanfte Linkskurve. Ein Blick in die Tiefe, kein Sitz, keine Kabine. 600 Meter Nichts. Erst weit unten Kornfelder, Wiesen, Wälder, handtuchgroß. Dann ein leichter Ruck. Der Flügel neigt sich leicht nach links. Für Sekunden rauscht leiser Fahrtwind im schlanken Segel über uns. Stille.
Eine Rechtskurve zurück und erneut greift die unsichtbare Kraft unter den hauchdünnen Stoff. Kitzeln im Bauch wie im Fahrstuhl. Wir steigen. Direkt unter uns das graue Band, die Startbahn. Daneben bunte Punkte, dreieckige und ovale, die Drachen und Gleitschirmen der anderen Piloten. Sie warten noch, in die Höhe geschleppt zu werden, von der Seilwinde oder von motorisierten Drachen, herauf in dieses endlose Luftmeer.
Wer dem neuen Trend folgt und Urlaub auf Balkonien macht, der kann als Drachenflieger in den Lüften dem grauen Alltag entfliehen und das eigene Land endlich einmal von oben erkunden. Goldgrün in der Sonne erstreckt es sich bis an den dunstigen Horizont. Warum also in die Ferne schweifen, wenn der Himmel doch so nah ist. Höchste Zeit, sich am bunten Flügel aus Dracon in schwindelnde Höhen zu wagen.
Der Drachenfliegerclub Berlin hat dafür ein ehemaliges Militärfluggelände erworben, eine knappe Autostunde südlich der Hauptstadt. „Das hier ist einer der besten Flachlandplätze in Deutschland. Auch was die Thermik betrifft“, hatte Gleitschirmflieger Jörg Maaß mit Blick über die stoppelige Graspiste zum morgendlichen Empfang gesagt. Gegen Mittag öffnet sich die Wolkendecke. Die Drachenflieger sind heute in der Minderheit. Ihre Disziplin gilt als teurer und etwas elitär. Auch sind die großen, durch Aluminiumstreben verstärkten Flügel schwerer zu transportieren. In der Luft aber sind sie im Vorteil, können fast doppelt so weit und schnell fliegen, sind weniger anfällig bei Wind und Wetter. Bis zu 16 Kilometer segelt ein moderner Drache aus 1000 Metern Höhe. Über 100 Stundenkilometer schnell kann er werden.
Und: „Wir fliegen wie die Vögel, bäuchlings, Kopf voraus, unter dem Flügel, während man am Schirm im Gurtzeug sitzt“, sagt Fluglehrer Andreas Becker. Er betreibt eine von drei Flugschulen in Deutschland, die am Tandemdrachen lehren. Learning by doing vom ersten Tag an. Vorbei das monatelange Hüpfen vom Übungshang. Seit kurzem gehe der Trend deshalb wieder zum Drachenfliegen, sagt Becker.
Erst seit Anfang vergangenen Jahres ist diese neue Methode zugelassen. Der Flugschüler hängt unter dem Lehrer an einem Drachen. Schon beim ersten Übungsflug kann er so selber den Steuerbügel führen, der wie ein Trapez für beide erreichbar auf Brusthöhe hängt. Gesteuert wird durch Gewichtsverlagerung. Sich an der waagerechten Stange seitwärts drücken, legt den Drachen in die Kurve. Sie zu isch heranziehen lässt ihn steiler gleiten und beschleunigen, die Stange wegdrücken aufwärts fliegen und verlangsamen. Ein Prinzip von beglückender Einfachheit. Der Drache folgt den Bewegungen des Körpers. Doch bei Start und Landung ist Erfahrung gefragt. Richtig Fliegen ist mehr als nur steuern. Selbst wenn die Freiheit in schwindelnder Höhe und drei Dimensionen allein schon berauschend ist.
„Siehst du da drüben die Schwalben?“, fragt der Fluglehrer. Tatsächlich schießen die winzigen Luftakrobaten kaum zwei Dutzend Meter voraus in aberwitzigen Kapriolen hinter unsichtbaren Insekten her. Schwalben fliegen bei gutem Wetter hoch, weil warme Luft aufsteigt und die Insekten mit ihr, lerne ich. Wo sie sind ist Aufwind. Wir folgen ihnen. Wenig später ist der leichte Druck von unten zu spüren. Unser Flügel schraubt sich weiter hinauf ins unendliche Blau.
Sich in den Himmel tragen lassen, von Strömen warmer Luft, die sich über dem Boden erhitzt hat und aufsteigt. Thermik fliegen heißt Höhe gewinnen, um weiter zu segeln. Um den nächsten Luftstrom zu finden. Um sich kreisend wieder hochzuschrauben. Es ist die eigentliche Kunst des Drachenfliegens. Mehrere Kilometer kann es so hinaufgehen. Es soll Seevögel geben, die auf diese Weise Tausende von Kilometern zurücklegen. Richtig gut sein, heißt, von ihnen lernen. Der Weltrekord im Distanzflug liegt bei über 700 Kilometern. Stundenlange Ausflüge über mehr als Hundert Kilometer sind heutzutage selbst für geübte Freizeitpiloten möglich. Doch bis dahin war es ein weiter Weg.
Wäre der Horizont nicht so diesig, wir könnten denn Ort aus der Höhe über dem Fluggelände südlich Berlins sehen, wo die Geschichte des Menschenflugs vor über Hundert Jahren begann. Mit einem Gleitsegler aus bespannten Holzstreben, dessen Prinzip dem heutigen Sportdrachen verblüffend ähnelte, hob der Maschinenbauingenieur Otto Lilienthal 1891 erstmals von einem Steilhang bei Potsdam ab. Seit Jahren hatte er den Vogelflug studiert.
Lilienthals Flugapparat taugte jedoch nur für den Sinkflug. Ebenso wie die abenteuerliche Erfindung eines steuerbaren Dreiecksfallschirms durch den jungen Luft- und Raumfahrtingenieur Francis Rogallo in den 40er-Jahren. Den Rogalloflügel testete die Nasa zwischenzeitlich für die sanfte Landung ausgebrannter Raketenstufen. Erst später begannen waghalsige Flugenthusiasten daraus Sportdrachen zu entwickeln. Anfangs, um sich damit von Wasserskiern aus in die Luft ziehen zu lassen und von Berghängen zu springen.
Das große Geheimnis mühelosen Schwebens aber entdeckte zuerst der Segelflieger Max Kegel Mitte der 20er Jahre – aus Versehen. Mit seinem Hanggleiter geriet er in ein Gewitter. Kurz darauf befand sich der verdutzte Mann in 2000 Metern Höhe. Er hatte großes Glück. In Gewitterwolken, weiß man heute, toben lebensgefährliche Fall- und Aufwinde mit über 200 Stundenkilometern, die einen zu Boden schleudern oder in eisige Höhen reißen können. Doch Kegels Gewitterflug war der Anstoß. Selbst friedliche Quellwolken entpuppten sich als kondensierende Gipfel aufsteigender Warmluftströme. Heutigen Sportdrachen genügen oft schon die sanften Aufwärtswinde unter blauem Himmel, um sich sicher in der Luft zu halten.
Otto Lilienthal verstand nichts von Thermik
Moderne Rettungsfallschirme an jedem Drachen lassen sich in Sekundenbruchteilen öffnen und geleiten Pilot und Gerät zur Erde. Aus den riskanten, flatternden Dreiecksflügeln der 70er Jahre sind stabile aerodynamische Flügelprofile geworden. Fast gleicht ihr Prinzip eher dem Vogelschwingen nachempfundene Lilenthalgleiter, als den durch Stangen und Luftdruck in Form gebrachten Dreiecksflüglern der Anfangsjahre.
„Hätte Lilienthal etwas von Thermik verstanden, er wäre womöglich nicht durch eine unglückliche Verwirbelung an einer Bergkante gestürzt und ums Leben gekommen“, vermutet Drachenfluglehrer Andreas Becker. Und beim leise rauschenden Schweben in fast 700 Metern Höhe unter dem wolkenlosen Himmel über Brandenburg scheint es für einen Moment, als sei die Erfindung des Motorfluges nichts anderes als ein knatternder, stinkender Umweg bei der Verwirklichung des vogelgleichen Fluges, des uralten Menschheitstraumes.
„Die Tiefe, über die man dahinschwebt“, schrieb einst Lilienthal, „sie verliert ihre Schrecken, wenn man aus Erfahrung weiß, wie sicher man sich auf die Tragfähigkeit der Luft verlassen kann. Wenn man, auf breiten Fittichen ruhend, von nichts als Luft berührt dahingleitet. Wie es überhaupt ein unbeschreibliches Vergnügen ist, hoch in den Lüften sich über sonnige Berghänge zu wiegen, ohne Stoß, ohne Geräusch, nur von einer leisen Aeolsharfenmusik begleitet.“ Heimathimmel-Hymne!
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MAZ | Märkische Allgemeine Zeitung |




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